Die weibliche Genitalverstümmelung in Europa und Afrika

Nach Angaben mehrerer Menschenrechtsorganisationen (Terre des femmes, FOWARD, u.a.) werden weilweit

  • 5 Mädchen pro Minute,
  • 6000 pro Tag,

  • 2 Millionen pro Jahr

    an ihren Genitalien verstümmelt.

Schätzungen zufolge sind weltweit ca. 150 Millionen Frauen betroffen.

Die Folgen sind verheerend, physisch, psychisch und langfristig.

  • Welche Beweggründe stecken hinter der Praxis der FGM?

  • Welche Formen der FGM werden praktiziert?

  • Wo wird die FGM praktiziert?

  • Wie sollte man am besten dagegen vorgehen?

  • Geschichtliches

    Die weibliche Genitalverstümmelung ist kein rein afrikanisches Phänomen. Sie ist eine über 1000 Jahre alte Tradition, die schon im antiken Griechenland, aber auch in anderen Teilen der Welt praktiziert wurde.

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    Bereits in der Spätantike wurde die Beschneidung der Frauen schon erwähnt und genau beschrieben und zur Behandlung der Nymphomanie angewendet (Vgl. Schüll, S. 229ff.).

    Im alten Ägypten glaubte man an die Doppelgeschlechtlichkeit der äußeren Genitalien. Demnach entspricht die Vorhaut der Männer dem weiblichen Teil im Mann, die Klitoris dem männlichen Teil in der Frau. Diese Vorstellung war eine Begründung für die spätere Praxis der Beschneidung.

    Im 18. Jahrhundert herrschte auch in Europa die Vorstellung, die Masturbation sei eine Sünde, eine Perversion, die krank macht. Sie könne zur Schwächung der körperlichen Kräfte bei Männern führen, bis hin zum Tod.

    Die Vorstellung, die Masturbation wirke kräfteauszehrend, wurde in der Folgezeit bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts auch auf das weibliche Geschlecht übertragen.

    Bei der Behandlung griff man zunächst auf relativ sanfte Methoden zurück: Überwachung, Verordnung einer leichten Diät, kalten Bädern und Trinken von Mineralwasser. Später wurde den "Patienten" ein Keuschheitsgürtel angelegt, bis man in der Mitte des 19. Jahrhunderts zur operativen Behandlung überging. Die Beschneidung - die Entfernung der Vorhaut - wurde als erfolgreiche Behandlung, aber auch als Vorbeugung der Masturbation bei Knaben angesehen.

    In Anlehnung an diese Behandlung wurde bei Frauen die Klitoridektomie (Entfernung der Klitoris) durchgeführt. Der Londoner Arzt Isaac Baker Brown (1812-1873) veröffentlichte 1866 ein Buch, in dem er die Klitoridektomie und die Exzision aus eigener Erfahrung als Behandlungsmethoden beschrieb. Er verwendete diese Praxis zur Behandlung von Unterleibsschmerzen, Hysterie, Katalepsie und Masturbation, wobei als Zeichen der Hysterie Krämpfe, Lähmungen, Wein- oder Schreianfälle verstanden wurden.

    Laut Dokumentationen wurde in den USA bis 1937 die Klitoridektomie zur Behandlung von Epilepsie, Katalepsie, Hysterie, Melancholie, Masturbation und sogar Kleptomanie durchgeführt. Auch bei Frauen, bei denen lesbische Neigungen vermutet wurden oder denen eine Aversion gegen Männer nachgesagt wurde, wurde diese Methode praktiziert.

    Bis 1880 hatte man zusätzlich zur Klitoridektomie sogar die Eierstöcke und auch die Gebärmutter entfernt.

    Literatur:
    Petra Schüll / Terre des femmes (Hg.): Weibliche Genitalverstümmelung. Eine fundamentale Menschenrechtsverletzung. Textsammlung. Göttingen 1999.

    Hintergründe der Verbreitung in Afrika

    Aus der Geschichte in der Antike, Europa und USA wird klar, dass die Beschneidung bzw. Eierstock-Gebärmutter-Entfernung, dazu diente, die Sexualität der Frau zu unterdrücken und zu kontrollieren.

    Wann auch immer die Beschneidung ihre Wurzeln in afrikanischen Ländern geschlagen hat, traf sie dort auf einen fruchtbaren Boden, nämlich das Patriachat und die Tabuisierung der Sexualität und alles was mit ihr verbunden ist.

    Die Begründungen für diese Praxis sind heute genauso widersprüchlich wie abenteuerlich und entbehren jeglicher logischer Begründung. Mittelweile macht man es, weil man es macht. Viele Frauen lassen ihre Töchter beschneiden, weil es eben alle tun.

    Außerdem wird auf die Frauen und Mädchen sozialer Druck ausgeübt. Nicht beschnittene Mädchen werden öffentlich von ihren Altersgenossen beschimpft. Unbeschnittene Mädchen werden nicht geheiratet und so bringen sie nicht nur Schande über die Familie, sondern auch der ersehnte Brautpreis bleibt aus. Dazu kommt die Tatsache, dass der Beschneidungstag oft der einzige Tag im Leben des Mädchens ist, an dem es im Mittelpunkt steht und mit Geschenken überschüttet wird. Es kommt an dem Tag darauf an, Mut, Respekt und Ehrfurcht gegenüber der Gemeinde zu beweisen.

    Die Gemeinschaft ist das wichtigste in der traditionellen afrikanischen Gesellschaft. Die Gemeinschaft ist stark, das Individuum ist nichts. Ohne die Dorfgemeinschaft ist das Individuum nicht überlebensfähig, da die Familie und die Gemeinde gleichzeitig Krankenversicherung, Sozialversicherung, Rentenversicherung und Pflegeversicherung darstellen.

    Die Mutter, die ihre Tochter beschneiden lässt, will nichts anderes als das beste für sie: Sie soll später heiraten und so von der Dorfgemeinschaft akzeptiert und versichert werden. Ehe und Kinder steigern das Sozialprestige enorm.

    Die Frau, die ihre Tochter nicht beschneiden lassen will, will auch nur das beste für sie: Sie soll nicht an den Folgen der Beschneidung leiden oder sogar sterben. Nur wird diese zweite Frau dem Druck der Gemeinschaft nicht standhalten können. Aus Angst, aus der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden, bleiben ihr nur 2 Möglichkeiten: entweder nachgeben oder fliehen.

    Verbreitung und Typen der weiblichen Genitalverstümmelung

    In ca. 28 afrikanischen Ländern werden unterschiedliche Typen der weiblichen Genitalverstümmelung praktiziert:

  • Die Sunna ist eine Form
    der Beschneidung, die vergleichbar
    wäre mit der männlichen
    Beschneidung, d.h. die
    Entfernung der Vorhaut der Klitoris
  • FGM Typ I -
    die einfache Klitoridektomie
    ist die Entfernung der Klitoris
  • beim FGM Typ II - Exzision-
    werden zusätlich zur Klitoris
    die kleinen Schamlippen teilweise
    oder vollständig entfernt
  • FGM Typ III - Infibulation-
    ist die schwerste Form der Genitalverstümmelung. Dabei werden die inneren und äußeren Schamlippen entfernt und der Rest zugenäht. Es bleibt nur ein kleines Loch für Urin und Menstruation.
  • Außerhalb Afrikas wird die weibliche Genitalverstümmelung auch von kleinen Ethniengruppen in Indonesien, im kurdischen Irak, in Teilen von Yemen und Saudi Arabien praktiziert.

    Warum sollte man dagegen vorgehen?

    Eine deutsche Kollegin von mir, die immer wieder in Afrika als Ärztin arbeitet, erzählte mir von einem Erlebnis in Somalia. Während einer Choleraepidemie wurden Patienten in einem Lager versorgt. Eines Tages kam eine Frau mit ihrer 12 Jahre alten, hoch fiebrigen Tochter. Diese hatte jedoch im Gegensatz zu allen anderen Patienten weder Durchfall noch Erbrechen. Die Kollegin wollte das Mädchen ganz körperlich untersuchen, aber die Mutter verhinderte immer wieder, dass ihrer Tochter die Unterhose ausgezogen wurde. Die deutsche Ärztin, die nicht verstand warum, zog das Mädchen dennoch ganz aus. An der Stelle der Genitalien befand sich ein großes Loch, verwesend und stinkend. Die Wunde der verstümmelten Genitalien war so stark entzündet, dass kein Genitalgewebe mehr vorhanden war. Das Mädchen starb am nächsten Tag an einer Blutvergiftung als Folge der Genitalverstümmelung.

    Dies ist kein Einzelschicksal in den betroffenen Regionen. Die gesundheitlichen und psychische Folgen der weiblichen Genitalverstümmelung sind verheerend. Neben den möglichen akuten Folgen wie Entzündung mit Blutvergiftung, Tetanusinfektion und starkem Blutverlust bis hin zum Verbluten besteht die Gefahr der Übertragung des HIV- und Hepatitisvirus. Später leiden die überlebenden Mädchen an ständigen Schmerzen beim Wasserlassen und bei der Menstruation sowie an starken Schmerzen unter der Geburt. Es können sich Zysten und Fisteln zwischen Harnblase und Vagina bilden, die zur Inkontinenz führen. Die Gefahr der Verblutung besteht auch in der Hochzeitsnacht, wenn die Ehemänner selbst zum Messer greifen um ihre Braut "aufzumachen".

    Autorin:
    Dr. Solange Nzimegne-Gölz
    Fachärztin für Allgemeinmedizin
    D.C.H. & TM
    Africanissima gGmbH